ICH BIN IM URLAUB. GIBT ES AM ENDE EINE PRÜFUNG?
Manche Menschen buchen eine Reise und recherchieren sofort Museen, Kunstrichtungen und die Geschichte der Stadt.
Ich recherchiere auch.
Restaurants, schöne Aussichten, hübsche Orte und Lokale, in denen man etwas trinken kann, während im Hintergrund jemand Klavier spielt. Jeder bereitet sich eben auf seine Weise vor.
Manche Menschen kommen in einer Stadt an und wissen, dass dieses eine Gebäude ein hervorragendes Beispiel für neugotische Architektur ist.
Ich komme an, schaue hoch und denke: „Wie schön. Von wo aus kann man das beste Foto machen?“
Wir bewundern beide das Gebäude. Eine von uns hat einfach den grösseren Wortschatz.
Manche Menschen gehen in ein Museum und sind drei Stunden lang fasziniert. Sie lesen die Beschreibungen, treten näher heran, gehen wieder ein Stück zurück und erkennen den Maler, bevor sie seinen Namen lesen. Ich bewundere diese Fähigkeit. Ehrlich.
Aber ich kann auch ziemlich lange von einer Terrasse mit Flussblick fasziniert sein. Besonders, wenn es dazu eine gute Cocktail- oder Dessertkarte gibt.
Das Problem beginnt, wenn jemand fragt:
„Du warst also in dieser Stadt und hast dieses Museum nicht besucht?“
Und dazu kommt ein Gesichtsausdruck, bei dem man das Gefühl bekommt, gerade ein Flugticket verschwendet zu haben.
Nein, habe ich nicht. Ich bin herumspaziert, habe schöne Dinge gesehen, gut gegessen, Musik gehört, mich hingesetzt, die Stadt betrachtet und war ein paar Stunden lang sehr glücklich.
Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass nach der Rückkehr eine Prüfung ansteht.
Ich war nicht im Museum. Können wir trotzdem Freunde bleiben?
Manche reisen, um die Geschichte eines Ortes zu verstehen. Sie wollen wissen, wer etwas gebaut hat, wer dort gelebt hat, was auf diesem Platz passiert ist und warum diese Fassade wichtig ist.
Andere möchten gemütlich über den Platz schlendern, in eine Strasse einbiegen, ohne zu wissen, wohin sie führt, und ein Restaurant entdecken, in dem sie bleiben möchten.
Die eine Person hat eine Liste mit Sehenswürdigkeiten dabei. Die andere hat zehn Restaurants für eine fünftägige Reise gespeichert.
Beide werden schwierige Entscheidungen treffen müssen.
Manche haben auch ganz bestimmte Orte in der Stadt, die sie sehen möchten. Diesen Turm, diese Brücke, diesen Aussichtspunkt. Sie gehen von einem zum nächsten, folgen dem Stadtplan und haken ihre Liste ab.
Ich steige mit einem Ballon auf 150 Meter Höhe und sehe in 15 Minuten die ganze Stadt von oben.
„Hast du dir diesen Ort angeschaut?“
„Ja. Und den daneben gleich mit.“
Gut, die Einzelheiten habe ich nicht gesehen. Aber ich hatte einen ausgezeichneten Überblick und noch Zeit fürs Mittagessen.
Und dann gibt es diese berühmten „instagramtauglichen“ Orte. Das Wort wird manchmal in einem Ton ausgesprochen, als hätte man gerade einen schweren Charakterfehler bei jemandem entdeckt.
Ja, ich mag schöne Orte zum Fotografieren.
Ich mag das Licht, die Aussicht, einen schön gedeckten Tisch und eine Rooftop-Bar, von der aus man die ganze Stadt sieht. Wenn dabei auch ein schönes Foto von mir entsteht, werde ich mich sicher nicht beschweren.
Das bedeutet nicht, dass ich die ganze Reise auf einen Bildschirm gestarrt habe. Es bedeutet, dass ich etwas schön fand und es festhalten wollte.
Auch Menschen, die Museen besuchen, haben Fotos von Gemälden auf ihren Handys. Nur der Bildausschnitt ist ein anderer.
Natürlich können diese beiden Reisetypen auch in ein und derselben Person stecken.
Morgens eine Kirche. Mittags ein typisches Gericht. Nachmittags ein Museum. Zum Tagesausklang ein Cocktail mit Aussicht.
Oder nur zwei dieser Dinge, denn wir sind im Urlaub und unsere Füsse haben auch ein Mitspracherecht.
Die eigentliche Verträglichkeitsprüfung beginnt, wenn diese beiden Versionen von uns während der Reise aneinandergeraten.
Die eine sagt: „Morgen gehen wir um acht los, damit wir den Tag richtig nutzen.“
Die andere antwortet: „Um acht nutze ich noch mein Bett richtig aus.“
Die eine möchte vor dem Mittagessen sechs Sehenswürdigkeiten besichtigen. Die andere möchte erst einmal in Ruhe an einem schönen Ort frühstücken und dann weiterschauen.
Manchmal verlassen Menschen das Hotel mit der Absicht, am Fluss spazieren zu gehen. Unterwegs sehen sie aber ein Plakat, das sie in ein Museum lockt, und ehe sie sich versehen, stecken sie in einer zweistündigen Führung.
Es lohnt sich nicht immer. Manchmal bereuen sie es schon nach zwanzig Minuten.
Deshalb entdecke ich Orte gerne auf meine Weise. Spazieren gehen, Menschen beobachten, schöne Aussichten entdecken, Neues probieren und stehen bleiben, wann immer ich möchte. Vielleicht kann ich nach meiner Rückkehr den Stil einer Fassade nicht erklären. Aber ich erinnere mich ganz genau daran, wie ich mich gefühlt habe, als ich davor sass.
Und ich weiss auch noch, was ich gegessen habe. Ich habe eben meine Fachgebiete.
Du weisst, wer den Palast gebaut hat. Ich weiss, wo man mit Blick darauf zu Mittag essen kann.
Vielleicht geht die Sechs in den Palast, um seine Geschichte kennenzulernen.
Die Neun geht auf die Dachterrasse, um den ganzen Palast zu sehen.
Am Ende sagen beide: „Da musst du unbedingt hin. Es ist unglaublich.“
Jeder geniesst eine Reise auf seine Weise. Und auch wenn uns das Leben nicht immer alles gibt, was wir uns wünschen, habe ich eines schon: den Termin für meine nächste Reise.
Die Reiseroute kann warten. Zuerst müssen wir wissen, wo man gut essen kann.



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